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Artikel: Sir Walter Scott: Der Mann, der Schottland neu erfand

Sir Walter Scott: Der Mann, der Schottland neu erfand

 

Berühmte Schotten · Teil 1

Sir Walter Scott


Wenn Sie jemals einen Mann in Tartan gesehen haben, eine Burg besichtigt haben oder das Wort „Waverley" auf einem Bahnhofsschild in Edinburgh gelesen haben – Sie sind einem Mann begegnet, der vor 200 Jahren lebte und trotzdem bis heute bestimmt, wie die Welt Schottland sieht. Dies ist die Geschichte von Sir Walter Scott: Anwalt, Dichter, Romanautor – und der Mann, der eine ganze Nation neu inszenierte.

Kindheit · Der Wizard of the North · Die Kronjuwelen · 1822 · Tweed & die Borders · Vermächtnis

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1771

Eine Kindheit zwischen Edinburgh und den Borders

Walter Scott wurde am 15. August 1771 in einer kleinen Wohnung im dritten Stock in der College Wynd in Edinburghs Altstadt geboren – als neuntes von zwölf Kindern, von denen nur sechs das Erwachsenenalter erreichten. Sein Vater war Anwalt, seine Mutter Tochter eines Medizinprofessors. Eine bürgerliche, aber keineswegs außergewöhnliche Edinburgher Familie – bis auf eines: Im Kleinkindalter erkrankte Walter an Kinderlähmung und blieb sein Leben lang am rechten Bein gehbehindert.

Zur Genesung schickte man den Jungen zu seinen Großeltern in die Scottish Borders. Was als gesundheitliche Vorsichtsmaßnahme gedacht war, wurde zur prägendsten Erfahrung seines Lebens. In den Borders hörte der junge Walter zum ersten Mal die alten Grenzland-Balladen, Geistergeschichten und Clan-Sagen – mündlich überliefertes Wissen, das damals bereits am Verschwinden war. Er sog diese Geschichten auf wie ein Schwamm. Niemand ahnte, dass dieser kränkliche Junge eines Tages genau diese Geschichten in eine Form bringen würde, die die ganze Welt lesen wollte.

Scott besuchte die Edinburgh High School und die University of Edinburgh, wurde 1792 als Anwalt zugelassen und führte zeitlebens ein Doppelleben: tagsüber Clerk of Session und Sheriff-Depute von Selkirkshire – solide juristische Ämter mit festem Einkommen –, abends und in den frühen Morgenstunden Dichter, Sammler und, schließlich, Romanautor.

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1814

Der „Wizard of the North" – ein Geheimnis, das ganz Europa kannte

Scott war bereits ein erfolgreicher Dichter, als er sich 1814 – im Alter von 42 Jahren – an etwas Neues versuchte: einen Roman, der reale historische Ereignisse mit fiktiven Figuren verband. „Waverley" erschien anonym. Die erste Auflage von 1.000 Exemplaren war innerhalb von zwei Tagen ausverkauft. Im Verlauf des Jahres 1814 verkaufte sich „Waverley" allein in Großbritannien besser als alle anderen Romane des Jahres zusammen.

Was folgte, war eine der produktivsten Schaffensperioden der Literaturgeschichte: „Guy Mannering" (1815), „The Antiquary" (1816), „Rob Roy" (1817), „Ivanhoe" (1819) – Roman auf Roman, jeder ein Erfolg, alle anonym veröffentlicht unter dem Pseudonym „Author of Waverley". Scott bestand auf dieser Anonymität, obwohl längst halb Europa wusste oder zumindest vermutete, wer dahintersteckte. 1815 wurde er zu einem Essen mit dem Prince Regent eingeladen, der ausdrücklich „den Autor von Waverley" treffen wollte. Der Spitzname „The Wizard of the North" machte die Runde – ein Zauberer, dessen wahre Identität alle kannten und niemand öffentlich aussprach.

1819 wagte Scott einen Sprung: „Ivanhoe" spielte nicht mehr in Schottland, sondern im England des 12. Jahrhunderts, zur Zeit Richard Löwenherz – ein Roman über Normannen und Sachsen, der erneut zum Sensationserfolg wurde und das Mittelalter-Bild ganzer Generationen prägte. Erst 1827 gab Scott offiziell zu, der Autor all dieser Werke zu sein.

Sein Einfluss reicht bis in unsere Gegenwart: Sowohl George R.R. Martin, Schöpfer von „Game of Thrones", als auch Diana Gabaldon, Autorin von „Outlander", nennen Scott als prägenden Einfluss. Wer also Drachen, Schlachten und schottische Highlands in moderner Fiktion liebt, liebt – ohne es vielleicht zu wissen – eine Tradition, die Scott vor 200 Jahren begründete.

„Ein Zauberer, dessen Identität jeder kannte – und den trotzdem niemand beim Namen nannte."

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1818

Die vergessenen Kronjuwelen – Scotts erste große Inszenierung

Bevor Scott Tartan zurück nach Edinburgh brachte, brachte er etwas anderes zurück: die schottischen Kronjuwelen selbst. Die Honours of Scotland – Krone, Zepter und Staatsschwert – waren seit dem Act of Union 1707 tief in den Gewölben von Edinburgh Castle verschlossen und im wahrsten Sinne vergessen worden. Manche Schotten glaubten sogar, die Engländer hätten sie längst nach London verschleppt.

1818 erhielt Scott die königliche Erlaubnis, eine versiegelte Truhe in der Burg zu öffnen. Mit einer kleinen Kommission brach er das Schloss auf – und fand die Kronjuwelen Schottlands, unberührt seit über hundert Jahren, genau dort, wo sie immer gewesen waren. Die Entdeckung war eine Sensation. Schottland hatte seine Symbole zurück, sichtbar und greifbar – ein Vorgeschmack auf das, was vier Jahre später folgen sollte.

1820 wurde Scott für diese und andere Verdienste zum Baronet erhoben – aus dem Anwalt und Romanautor wurde offiziell „Sir Walter Scott".

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August 1822

Zwei Wochen, ein König, und die Erfindung des modernen Schottland

Im Sommer 1822 erhielt Scott eine Aufgabe, für die er gerade einmal zwei Wochen Vorbereitungszeit hatte: König Georg IV. wollte Schottland besuchen. Es wäre der erste Besuch eines regierenden britischen Monarchen in Schottland seit 1651 – seit 171 Jahren. Niemand wusste so recht, wie ein solcher Besuch überhaupt aussehen sollte. Scott wusste es.

Was er in diesen zwei Wochen organisierte, war keine historisch akkurate Zeremonie – es war reine, geniale Erfindung. Edinburgh verwandelte sich in eine Bühne: Clan-Chiefs wurden gebeten, in Tartan zu erscheinen – eine Kleidung, die seit dem Verbot nach Culloden 1746 jahrzehntelang praktisch nur noch von der Armee getragen worden war. Ein Highland-Ball wurde abgehalten, bei dem Männer ausdrücklich in Militäruniform oder Kilt zu erscheinen hatten. Der Höhepunkt: König Georg IV. selbst erschien öffentlich in vollem Highland-Dress – Kilt, Tartan, alles. Für den nicht eben schlanken Monarchen wurden dafür eigens fleischfarbene Strumpfhosen angefertigt, was unter den Anwesenden für einiges Schmunzeln sorgte.

Die Veranstaltung endete mit einer Aufführung von „Rob Roy" – natürlich nach Scotts eigenem Roman. Zwei Wochen, die Edinburgh in ein Tartan-Spektakel verwandelten, das es so vorher nie gegeben hatte – und das von diesem Moment an als „typisch schottisch" galt.

Kilt und Tartan – seit den Folgen des Aufstands von 1745 praktisch verboten und nur noch der Armee vorbehalten – wurden über Nacht zu romantischem „Erbe" stilisiert, das sie bis heute geblieben sind.

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1820er Jahre, London & Abbotsford

Tartan war nicht alles – Scott und die Geburt des Tweed als Mode

Was viele nicht wissen: Scotts Einfluss auf schottische Textilien beschränkte sich nicht auf Tartan. In den 1820er Jahren – derselben Dekade wie der Besuch Georgs IV. – machten Scott und sein Zeitgenosse Lord Brougham eine zweite Stoffart in der Londoner Gesellschaft populär: Tweed. Beide Männer trugen auffällige Tweed-Hosen – damals eine kleine Sensation, denn Tweed war bis dahin reine Arbeitskleidung der Landbevölkerung, kein Stoff für vornehme Herren. Es war, wie manche Historiker es nennen, der erste Moment, in dem Tweed vom praktischen Material zum modischen Statement wurde.

Scotts bevorzugtes Muster war dabei nicht irgendein Tweed, sondern das sogenannte Shepherd Tartan (auch Border Tartan oder Shepherd's Check genannt) – ein einfaches, charakteristisches Schwarz-Weiß-Karo aus den Scottish Borders, traditionell von Hirten getragen. Scott erschien in London regelmäßig in Hosen aus diesem Muster und löste damit buchstäblich eine Mode für karierte Kleidung in der viktorianischen Gesellschaft aus. Das Muster, das er trug, ist im Übrigen dasselbe Karo, das bis heute weltweit als Hose der Kochuniform verwendet wird – sein praktischer Vorteil, kleine Flecken zu kaschieren, hat sich seit den Küchen des 19. Jahrhunderts nicht verändert.

Sein Wohnsitz Abbotsford lag dabei nicht zufällig dort, wo er lag: direkt am River Tweed, gegenüber der Textilstadt Galashiels – mitten im Herzen der schottischen Tweed-Industrie. 1807 war Scott einer der Mitbegründer der River Tweed Commission, einem der ältesten Flussfischerei-Schutzgremien der Welt, das bis heute existiert. Sein Verständnis für nachhaltige Fischerei und Ökosysteme wirkt selbst nach 200 Jahren bemerkenswert modern.

Bis heute trägt ein eigenes Tartan-Muster, der Abbotsford Tartan, den Namen seines Hauses – ein weiteres kleines Zeichen dafür, wie tief Scotts Spuren in den Textilien Schottlands verwoben sind, lange bevor und nachdem er für zwei Wochen im Sommer 1822 die ganze Nation neu inszenierte.

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1832 und danach

Bankrott, Tod – und ein Vermächtnis, das wuchs

Scotts Geschichte hat keinen makellosen Abschluss. 1825 geriet seine Druckerei „Ballantyne" – an der er heimlich beteiligt war – in eine schwere Finanzkrise, die ihn praktisch in den Bankrott trieb. Statt aufzugeben, schrieb Scott in den letzten Jahren seines Lebens unermüdlich weiter, um seine Schulden abzutragen – eine Anstrengung, die seine Gesundheit zusätzlich belastete. Er starb am 21. September 1832 in Abbotsford, seinem Haus in den Borders, das er sich selbst wie eine Romanlandschaft erbaut hatte.

Sein Vermächtnis wuchs über seinen Tod hinaus. 1844 wurde in Edinburgh das Scott Monument errichtet – ein gotisches Bauwerk, das bis heute eines der größten Denkmäler der Welt ist, das je einem Schriftsteller gewidmet wurde. 1854 wurde Edinburghs zentraler Bahnhof nach seinem berühmtesten Roman benannt: Waverley Station – jeder Reisende, der heute mit dem Zug in Edinburgh ankommt, betritt einen Bahnhof, der nach einem Buch heißt.

Bis heute trägt die schottische Fünf-Pfund-Note Scotts Porträt. Sein Einfluss reicht von Charles Dickens und Leo Tolstoi, die ihn als prägenden Einfluss nannten, bis zu modernen Bestseller-Autoren. Ein Mann mit einem gelähmten Bein, der als Kind in den Borders Geistergeschichten lauschte, hat am Ende mehr dazu beigetragen, wie die Welt Schottland sieht, als jeder König, jede Schlacht und jedes Gesetz zuvor.

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Das Erbe von 1822, heute getragen

Ohne die zwei Wochen im Sommer 1822 gäbe es heute vermutlich keine Tartan-Kultur, wie wir sie kennen. Entdecken Sie die Muster, die Walter Scott zurück ins Rampenlicht brachte.

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